Junghund zieht an der Leine

Warum dein Junghund plötzlich wieder zieht

In diesem Artikel lernst du, was in der Pubertät im Gehirn deines Hundes wirklich passiert, warum Gelerntes gerade schlechter abrufbar ist und wie du die Leine durch diese Phase bringst, ohne härter zu werden.

Warum die Pubertät das Ziehen zurückbringt

Was im Junghund-Gehirn gerade passiert

Das Leinen-Protokoll für die Flegelphase

Wann es wieder besser wird

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Dein Junghund zieht wieder wie am Anfang? Das ist kein Rückschritt. Es ist eine Phase.

Fast jeder Halter erlebt rund um den siebten Monat denselben Schock. Der Hund, der schon so schön lief, hängt plötzlich wieder in der Leine. Reden wir darüber, warum.

😤

Problem 01

Als hätte er alles vergessen

Vor vier Wochen lief er locker neben dir. Jetzt legt er sich in die Leine, als hätte er nie etwas anderes gekannt. Du fragst dich, ob dein ganzes Training umsonst war. War es nicht.

„Er konnte das doch alles schon. Und auf einmal ist es weg."

😳

Problem 02

Er hört auf alle, nur nicht auf mich

Beim Nachbarn setzt er sich brav. Bei dir tut er, als würdest du eine Fremdsprache sprechen. Das kränkt. Und du fragst dich, was du falsch machst. Die kurze Antwort: nichts.

„Bei allen anderen ist er ein Engel. Nur bei mir stellt er auf stur."

😔

Problem 03

Die Geduld wird immer dünner

Jeder Spaziergang ein Kampf, jeder Tag ein Rückschritt. Und irgendwo im Kopf die leise Angst, dass das jetzt für immer so bleibt. Bleibt es nicht. Aber gerade fühlt es sich endlos an.

„Ich weiß langsam nicht mehr, ob ich noch etwas richtig mache."

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„Er konnte es doch schon" — warum das Ziehen zurück ist

Das ist der Satz, den ich am häufigsten höre. Der Hund lief mit fünf Monaten schon richtig ordentlich an der Leine. Und dann, irgendwann rund um den siebten Monat, ist alles wieder weg. Er zieht, als hätte er nie etwas gelernt. Du gehst durch die gleiche Straße wie immer, machst die gleichen Dinge wie immer, und trotzdem hängt er dir vorn in der Leine.

Der erste Gedanke ist fast immer: Ich habe etwas falsch gemacht. Der zweite: Vielleicht war das schöne Laufen nur Zufall. Beides stimmt nicht. Was du gerade erlebst, ist keine Trotzphase und kein Rückschritt in deinem Training. Es ist die Pubertät. Und die läuft im Hundegehirn nach ziemlich klaren Regeln ab, die kaum jemand erklärt.

Genau das machen wir hier. Warum das Ziehen jetzt zurückkommt, was in seinem Kopf gerade passiert und wie du die Leine durch diese Phase bringst. Wie das Ziehen grundsätzlich funktioniert, quer über alle Altersstufen, steht im Überblick zu der Frage, warum Hunde an der Leine ziehen. Dieser Text bleibt beim Junghund in der heißen Phase.

Ab wann und wie lange? Das Zeitfenster der Hunde-Pubertät

Die Pubertät beginnt bei den meisten Hunden zwischen dem sechsten und zwölften Monat. Die anstrengendste Phase, in der das Ziehen und das Überhören am stärksten auffallen, liegt oft um den siebten bis neunten Monat. Bei Hündinnen fällt sie häufig mit der ersten Läufigkeit zusammen, bei Rüden setzt sie meist ein bis zwei Monate später ein.

Wie lange das Ganze dauert, hängt stark von der Größe ab. Kleine Rassen sind körperlich früher fertig und oft schon mit gut einem Jahr durch. Große und schwere Rassen reifen langsamer. Bei ihnen kann sich die Adoleszenz bis zum zweiten oder dritten Geburtstag ziehen. Ein Golden Retriever oder ein Schäferhund bleibt im Kopf länger Teenager als ein kleiner Terrier. Auch der Labrador ist so ein später Reifer, bei dem sich die Junghund-Zeit oft bis weit über den ersten Geburtstag zieht.

Wichtig ist die Erwartung dahinter. Das ist keine schlechte Angewohnheit, die sich in einer Woche wegtrainieren lässt. Es ist eine Entwicklungsphase mit einem Anfang und einem Ende. Wer das weiß, misst die nächsten Monate nicht an schnellen Erfolgen, sondern an Dranbleiben. Und genau das ist der Unterschied zwischen Haltern, die durchkommen, und denen, die mittendrin aufgeben.

Ein kurzer Hinweis zum Geschlecht, weil die Frage oft kommt. Große Unterschiede zwischen Rüde und Hündin gibt es beim Leinenziehen nicht. Bei Hündinnen bündelt sich die Anspannung häufig rund um die erste Läufigkeit, danach kehrt oft Ruhe ein. Bei Rüden zieht sich die unruhige Zeit manchmal etwas länger, weil sie später einsetzt und Gerüche in dieser Phase enorm ziehen. Für dein Training ändert das wenig. Der Weg ist bei beiden derselbe.

Warum es sich gerade so extrem anfühlt

Viele Halter berichten dasselbe: Mit sechs, sieben Monaten fühlt sich das Ziehen auf einmal viel heftiger an als beim kleinen Welpen. Das täuscht dich nicht. Dafür gibt es zwei nüchterne Gründe.

Der erste ist schlicht Körperkraft. Dein Hund ist in wenigen Monaten stark gewachsen. Was beim drei Kilo schweren Welpen ein niedliches Zerren war, ist beim halbwüchsigen Hund echtes Gewicht am anderen Ende der Leine. Die Mechanik ändert sich, auch wenn der Kopf noch der eines Kindes ist.

Der zweite Grund ist die Reizlage. Ein Welpe nimmt die Welt noch gedämpfter wahr und bleibt oft nah bei dir. Der Junghund dagegen entdeckt gerade, wie riesig und spannend alles da draußen ist. Andere Hunde, Gerüche, Bewegung. Alles zieht plötzlich mit voller Kraft. Der Zug fühlt sich extremer an, weil dein Hund die Umwelt intensiver erlebt und gleichzeitig kräftiger geworden ist. Beides trifft an der Leine zusammen. Wie die ganz frühe Phase davor gut läuft, steht übrigens im Ratgeber dazu, warum ein Welpe an der Leine zieht.

Baustelle Gehirn: Was gerade wirklich passiert

Um zu verstehen, warum dein Junghund gerade zieht, hilft ein kurzer Blick in seinen Kopf. Denn dort wird gerade kräftig umgebaut, und der Umbau läuft nicht gleichmäßig.

Zwei Bereiche sind wichtig. Der eine ist das limbische System, grob gesagt die Gefühls- und Belohnungszentrale. Das läuft in der Pubertät auf Hochtouren. Alles ist aufregender, jeder Reiz zieht stärker, jeder Duft am Wegrand schreit lauter nach „hin da". Der andere Bereich ist der präfrontale Kortex, die Impulskontrolle. Das ist die Bremse, die sagt „warte kurz, bleib bei mir". Und diese Bremse reift deutlich später als das Gaspedal.

Stell dir einen Hund mit vollem Gaspedal und halb fertiger Bremse vor. Genau das läuft draußen an deiner Leine. Der Reiz zieht mit voller Kraft, und die Fähigkeit, den Impuls zu bremsen, ist gerade Baustelle. Dein Hund will nicht gegen dich arbeiten. Ihm fehlt schlicht das Werkzeug, um sich so gut zu beherrschen wie vor ein paar Wochen. Das ist keine Charakterfrage. Das ist Biologie.

Dazu kommt die Hormonlage. Der Körper wird gerade auf erwachsen umgestellt, und das kostet Nerven, im Wortsinn. Ein Junghund in dieser Phase ist schneller überdreht, schneller gestresst und braucht länger, um wieder runterzukommen. Ein gestresster Hund aber lernt schlecht. Sein System ist im Alarmmodus, nicht im Lernmodus. Auch das siehst du an der Leine.

Und dann die plötzlichen Schreckmomente

Ein Phänomen wirft besonders viele Halter aus der Bahn, weil es so widersprüchlich wirkt. In der Pubertät durchlaufen viele Hunde Phasen, in denen sie plötzlich ängstlicher reagieren. Der Mülltonne, an der er hundertmal vorbeigelaufen ist, traut er auf einmal nicht mehr. Ein Geräusch, das ihn nie gestört hat, lässt ihn zusammenzucken. Fachleute sprechen von Angst- oder Sensibilitätsphasen.

An der Leine sieht das dann nicht immer nach Ziehen nach vorn aus. Manchmal ist es das Gegenteil. Dein Hund bremst, will zurück, macht einen Bogen, hängt sich weg von etwas. Auch das ist Zug an der Leine, nur in die andere Richtung. Und auch das ist keine Macke, sondern Teil des Umbaus.

Der Umgang damit ist der gleiche wie beim Ziehen nach vorn. Kein Zerren, kein Schimpfen, kein Vorbeischleifen an dem, was ihm gerade Angst macht. Gib ihm Abstand und Zeit. Nimm den Druck raus, geh ruhig weiter, wenn er kann, und bleib ansprechbar. Was er in diesen Momenten von dir lernt, ist wichtiger als jede Übung: dass du ein sicherer Halt bist, auch wenn die Welt gerade komisch aussieht.

Warum Gelerntes plötzlich schlechter abrufbar ist

Jetzt zum Kern der Sache. „Er konnte es doch schon" ist kein Gefühl, das täuscht. Dein Hund konnte es wirklich. Und trotzdem ruft er es gerade schlechter ab. Das ist inzwischen sogar untersucht.

Eine Forschungsgruppe um Lucy Asher hat 2020 genau diesen Zeitpunkt gemessen. Mit acht Monaten reagierten Hunde deutlich schlechter auf ein bekanntes Kommando als noch mit fünf Monaten. Sie ignorierten das „Sitz" ihrer eigenen Bezugsperson fast doppelt so oft wie ein paar Monate zuvor. Nicht, weil sie es vergessen hatten. Sondern weil in dieser Phase das Abrufen schwerer fällt. Das Wissen ist da. Der Zugriff darauf ist gerade gestört.

Für dich heißt das etwas Wichtiges. Du bringst deinem Hund gerade nicht alles neu bei. Du hältst nur die Verbindung aufrecht, bis die Baustelle im Kopf fertig ist. Das ist ein völlig anderer Anspruch. Es nimmt den Druck raus, in jeder Einheit sichtbaren Fortschritt sehen zu müssen. Manchmal ist Halten schon der Erfolg.

Und es bedeutet: aufhören mit Training ist der falsche Schluss. Wer jetzt pausiert, weil ja „gerade nichts klappt", verliert genau die Routine, die den Hund durch die Phase trägt. Du machst weiter, nur mit kleineren Schritten und viel weniger Erwartung. Weiterüben in leicht statt aufgeben in schwer.

Ganz praktisch heißt das auch: Rückschritte sind hier normal, kein Alarm. An einem Tag klappt die halbe Runde locker, am nächsten hängt er ab dem ersten Meter in der Leine. Das ist keine Frage von gut oder schlecht erzogen. Das ist ein Gehirn in Bewegung, das an manchen Tagen mehr Zugriff auf das Gelernte hat und an anderen weniger. Miss den Fortschritt nicht am einzelnen Spaziergang, sondern an der Linie über viele Wochen.

„Nur bei dir": Warum dein Hund auf Fremde besser hört

Es gibt einen Teil dieser Phase, der besonders wehtut. Dein Hund hört auf die Hundetrainerin, auf den Nachbarn, auf wildfremde Leute. Nur bei dir stellt er auf stur. Das fühlt sich nach Ablehnung an. Nach „er respektiert mich nicht". Ist es aber nicht.

Dieselbe Studie hat auch das gemessen. Der Ungehorsam trat vor allem gegenüber der eigenen Bezugsperson auf. Gegenüber einer fremden Person waren die Hunde sogar folgsamer. Das klingt paradox, ergibt aber Sinn, wenn du an menschliche Teenager denkst. Bei wem knallen die Türen? Zu Hause, bei den Eltern. In der Schule, bei fremden Erwachsenen, funktionieren dieselben Jugendlichen oft tadellos.

Der Grund ist die enge Bindung, nicht ihr Fehlen. Dein Hund fühlt sich bei dir sicher genug, um Grenzen auszutesten. Bei Fremden traut er sich das nicht. Das Ziehen an deiner Leine ist damit kein Zeichen, dass die Beziehung kaputt ist. Es ist im Gegenteil ein Zeichen, dass sie stark genug ist, um diese Phase auszuhalten. Ein schwacher Trost an einem zermürbenden Tag. Aber ein wahrer.

Du hast nichts falsch gemacht

Diesen Absatz brauchen die meisten am dringendsten. Wenn dein Junghund gerade zieht, überhört und dich zur Weißglut bringt, liegt das nicht an deinem Training. Es liegt an seinem Alter. Die Phase kommt bei fast jedem Hund, unabhängig davon, wie gut oder wie viel du geübt hast.

Das ist keine Ausrede, um die Hände in den Schoß zu legen. Es ist eine Entlastung, die du brauchst, um ruhig zu bleiben. Denn deine Anspannung wandert die Leine entlang. Ein Halter, der sich schuldig und beobachtet fühlt, wird angespannter, kürzer, härter. Und genau das fährt einen ohnehin überdrehten Junghund weiter hoch. Wer dagegen weiß, dass das eine normale Phase ist, geht gelassener in den Spaziergang. Und diese Gelassenheit ist eins deiner wirksamsten Werkzeuge.

Vergleich dich in dieser Zeit nicht mit den Hochglanz-Hunden aus dem Internet. Vergleich deinen Hund von heute mit deinem Hund in drei Monaten. Da liegt der Fortschritt, nicht im Wochenvergleich.

Was jetzt an der Leine hilft: das Pubertäts-Protokoll

Genug Theorie. Was tust du konkret, wenn dein Junghund gerade zieht? Die vollständige Grundmethode für die lockere Leine steht im Überblick zum Leinenziehen und im ausführlichen Plan, um Leinenführigkeit zu trainieren. Das hier ist die Anpassung speziell für die heiße Phase.

Geh im Schwierigkeitsgrad zurück. Das ist der wichtigste Punkt. Wenn dein Hund auf der belebten Straße gerade nichts mehr abrufen kann, dann übe nicht auf der belebten Straße. Geh dahin, wo weniger los ist. Ruhige Zeiten, leere Wege, wenig Reize. Du senkst nicht deinen Anspruch, du passt die Umgebung an ein Gehirn an, das gerade überfordert ist. Erfolg auf leichtem Level baut die Verbindung wieder auf, die dann später auch auf schwerem Level trägt.

Belohne die lockere Leine, bevor er zieht. Warte nicht, bis er schon vorn hängt und du reagieren musst. Bezahl die guten Momente, die ruhigen Meter auf leerem Bürgersteig, den Blick zu dir. Ein Junghund, dessen Belohnungssystem gerade auf Hochtouren läuft, ist besonders empfänglich für das, was sich lohnt. Nutze das, statt gegen das Ziehen anzukämpfen.

Bleib bei der klaren Regel. Straffe Leine heißt Pause, lockere Leine heißt weiter. Du bleibst stehen, sobald es zieht, und gehst weiter, sobald wieder eine Schlaufe hängt. Kein Rucken, kein Schimpfen. Gerade in der Pubertät ist Konsequenz Gold wert, weil sie deinem Hund in einer chaotischen Zeit einen festen Halt gibt. Berechenbar sein ist beim Junghund die halbe Miete.

Senk das Erregungslevel, bevor ihr losgeht. Ein überdrehter Hund zieht mehr. Eine kurze Runde Schnüffeln im Garten, ein paar ruhige Suchspiele, ein bewusster Moment Sammeln vor der Tür. Nasenarbeit beruhigt, wildes Toben fährt hoch. Ein Hund, der schon etwas runtergefahren ist, geht anders in den Spaziergang. Und wenn dein Junghund vor allem bei Hundebegegnungen explodiert, weil er unbedingt hin will, steht der Trainingsaufbau für genau diesen Fall im Artikel dazu, warum ein Hund zu anderen Hunden zieht.

Halte die Einheiten kurz. Zwei, drei gute Minuten sind in dieser Phase mehr wert als eine halbe Stunde Kampf. Hör auf, solange es noch klappt. Ein Junghund, der überfordert wird, saugt nur Stress auf und nimmt nichts mit.

Plan deine Runden bewusst. In dieser Phase ist nicht jede Strecke gleich gut. Die Runde an der Hundewiese zur Stoßzeit ist gerade purer Stress und ein Ziehtraining in die falsche Richtung. Nimm für die Trainingsmomente die ruhige, langweilige Strecke, die du in- und auswendig kennst. Trennen hilft: Es gibt Wege, auf denen ihr übt, und Wege, auf denen dein Hund einfach nur Hund sein und schnüffeln darf, ohne dass du an ihm arbeitest. Dieser Unterschied nimmt Druck von euch beiden.

Ein Bild für den Alltag. Stell dir vor, dein Hund hat an guten Tagen zehn Münzen Konzentration in der Tasche. In der Pubertät sind es manchmal nur drei. Wenn du die gleich zu Beginn an einer schwierigen Stelle ausgibst, ist für den Rest der Runde nichts mehr übrig. Fang leicht an, hör auf, bevor die Münzen alle sind, und du gehst öfter mit einem guten Gefühl nach Hause. Für euch beide zählt das mehr als ein perfekter, aber zermürbender Marathon.

Was du jetzt auf keinen Fall tun solltest

Es gibt einen Reflex, in den in dieser Phase viele Halter rutschen, oft auf Anraten gut gemeinter Ratschläge. Wenn der Hund plötzlich „bockt", muss man eben strenger werden, härter durchgreifen, ihm zeigen, wer der Boss ist. Das ist der Rat, der am meisten kaputt macht.

Ruck an der Leine, lautes Schimpfen, Stachel- oder Würgehalsband, Einschüchterung. All das erhöht bei einem ohnehin gestressten Junghund nur den Druck. Sein Nervensystem ist gerade schon im Alarm, und du legst noch etwas drauf. Die Folge ist mehr Erregung, weniger Lernfähigkeit und, langfristig am teuersten, ein Riss im Vertrauen genau in der Zeit, in der dein Hund dich als sicheren Halt am nötigsten braucht. In Deutschland sind Stachel, Würger ohne Stopp und Reizhalsband in der Erziehung ohnehin verboten. Und die Studienlage ist eindeutig: Härte wirkt nicht besser, sie schadet.

Der Hund testet nicht deine Autorität. Ihm fehlt gerade die Impulskontrolle. Das eine löst du nicht mit Strafe. Das andere wächst sich aus, wenn du ruhig dabei bleibst.

Wann Schmerz oder Gesundheit dahinterstecken kann

Nicht jedes plötzliche Ziehen ist Pubertät. Manchmal steckt etwas Körperliches dahinter, und das gehört ausgeschlossen, bevor du Wochen in einen Trainingsplan steckst. Ein großer Teil der Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden hat eine medizinische Mitursache.

Ein Tierarztbesuch lohnt sich, wenn dein Junghund sich neuerdings gegen Geschirr oder Halsband wehrt, an Treppe oder Auto bremst, in bekannten Situationen plötzlich überreagiert oder wenn sich sein Verhalten sehr abrupt und drastisch geändert hat. Gerade während des Wachstums können Gelenke und Knochen zwicken, ohne dass man dem Hund von außen etwas ansieht. Hunde zeigen Schmerz erstaunlich leise. Ein kurzer Check gibt dir Sicherheit, dass du am richtigen Problem arbeitest.

Und falls ihr auch jenseits der Pubertät seit Monaten auf der Stelle tretet, lohnt sich eine systematische Fehlersuche: Die sechs häufigsten Gründe, warum ein Hund trotz Training zieht, kannst du wie eine Checkliste durchgehen.

Wann wird es besser?

Die Frage, die dich vermutlich am meisten umtreibt. Die gute Nachricht: Diese Phase geht vorbei. In derselben Studie, die das Überhören mit acht Monaten gemessen hat, war die Trainierbarkeit mit rund einem Jahr wieder deutlich besser. Das Gehirn ist dann ein gutes Stück fertiger, die Bremse funktioniert wieder zuverlässiger, und vieles von dem, was gerade verschüttet scheint, kommt zurück.

Bei kleinen Rassen ist der gröbste Teil oft mit dem ersten Geburtstag überstanden. Bei großen kann es bis zum zweiten oder dritten dauern, meist wird es aber schon vorher spürbar ruhiger. Und was du in dieser Zeit an Verbindung hältst, ist nicht verloren. Es liegt bereit und wird wieder abrufbar, sobald der Kopf so weit ist.

Der Fehler, den du jetzt vermeiden willst, ist nicht ein unperfekter Spaziergang. Es ist das Aufgeben genau in dem Moment, in dem Dranbleiben am meisten zählt.

Was du mitnehmen kannst

Dein Junghund zieht nicht, weil dein Training versagt hat oder weil er dich ärgern will. Er zieht, weil in seinem Kopf gerade Gaspedal und Bremse ungleich schnell reifen. Das ist eine Phase, kein Dauerzustand.

Was du jetzt brauchst, ist weniger Härte und mehr Geduld. Geh im Schwierigkeitsgrad zurück, belohne die guten Momente, bleib bei deiner klaren Regel und halte die Einheiten kurz. Und erinnere dich, wenn es zermürbend wird: Das Überhören trifft vor allem dich, weil du sein sicherer Hafen bist. Halte den Kurs. In ein paar Monaten läuft neben dir ein erwachsener Hund, der wieder abrufen kann, was ihr gemeinsam aufgebaut habt.

✦ Die Wissenschaft dahinter

Was die Forschung über die Hunde-Pubertät weiß

Zwei Dinge sind belegt. Das Überhören in der Pubertät ist real und messbar, und es geht wieder vorbei. Und Hunde lernen ruhiger und zuverlässiger, wenn Training auf Belohnung statt auf Druck setzt. Gerade in dieser Phase zählt beides.

Dein Junghund überhört dich nicht aus Trotz. Sein Gehirn wird gerade umgebaut, und das ist untersucht. Eine Studie der Universität Newcastle fand: Mit acht Monaten ignorierten Hunde das „Sitz" ihrer Bezugsperson fast doppelt so oft wie mit fünf Monaten. Und zwar nur bei der eigenen Person, nicht bei Fremden. Mit rund einem Jahr war die Trainierbarkeit wieder deutlich besser. Die Phase ist echt, und sie endet.

Der zweite Punkt: Über 30 Studien zeigen, dass belohnungsbasiertes Training den Stress senkt und besser wirkt als Druck. Aversive Methoden erhöhen langfristig das Stresshormon Cortisol. Gerade beim ohnehin gestressten Junghund heißt das: ruhig bleiben, fair belohnen, dranbleiben. Genau darauf ist der Kurs gebaut.

so viel häufiger ignorierte ein Hund mit 8 Monaten das „Sitz" seiner Bezugsperson als mit 5

Quelle: Asher et al., 2020 (Biology Letters)

−63 %

weniger Stresshormon (Cortisol) bei fairem Training

Quelle: Vieira de Castro et al., 2020

Stresslevel beim Spaziergang

Cortisol-Verlauf über 6 Wochen Training

Aversiv

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Stresshormon sinkt nachhaltig — die Bindung steigt.

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✦ So verändert es deinen Alltag

"Gutes Training braucht Vertrauen, kein Druck."

Ich sehe so viele Halter, die in der Pubertät ihres Hundes zu zweifeln anfangen. „Er konnte das doch alles schon, jetzt ist es weg, ich muss versagt haben." Nein. Du hast nicht versagt. Sein Gehirn baut gerade um, und das kannst du nicht wegtrainieren, du kannst es nur begleiten.

Ein Hund unter Stress lernt nicht. Sein Nervensystem ist im Überlebensmodus, nicht im Lernmodus. In der Pubertät ist er ohnehin schneller gestresst. Wenn du jetzt härter wirst, drehst du ihn nur weiter hoch. Wenn du ruhig bleibst und in kleinen Schritten dranbleibst, hältst du die Verbindung, bis sein Kopf wieder mitkommt.

Das ist kein Soft-Ansatz. Es ist Neurobiologie.

Genau darauf ist der Kurs gebaut. Kein Bauchgefühl. Keine Trends. Verhaltensforschung, übersetzt in etwas, das du morgen beim Spaziergang anwenden kannst. Auch mit einem Hund mitten in der Flegelphase.

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Ab wann ist ein Hund in der Pubertät?

Meist zwischen dem sechsten und zwölften Monat. Bei Hündinnen fällt der Beginn oft mit der ersten Läufigkeit zusammen, bei Rüden setzt sie etwas später ein. Die anstrengendste Phase liegt bei vielen rund um den siebten bis neunten Monat.

Wie lange dauert die Pubertät beim Hund?

Das hängt stark von der Größe ab. Kleine Rassen sind oft schon mit gut einem Jahr durch, große und schwere Rassen können bis zum zweiten oder dritten Geburtstag brauchen. Meist wird es aber schon vorher spürbar ruhiger.

Warum zieht mein Junghund plötzlich wieder, obwohl er es schon konnte?

Weil in der Pubertät das Gehirn umgebaut wird. Das Belohnungssystem läuft auf Hochtouren, die Impulskontrolle hinkt noch hinterher. Gelerntes ist dadurch schlechter abrufbar. Dein Hund hat es nicht vergessen, er kommt gerade nur schwerer dran.

Mein Hund hört auf Fremde, aber nicht auf mich. Woran liegt das?

Das ist typisch für die Pubertät und sogar untersucht. Der Ungehorsam trifft vor allem die eigene Bezugsperson, nicht Fremde. Wie beim Teenager, der zu Hause bockt und beim Lehrer spurt. Es ist ein Zeichen enger Bindung, nicht fehlenden Respekts.

Ist mein Hund in der Pubertät mit Absicht sturköpfig?

Nein. Ihm fehlt gerade schlicht die Impulskontrolle, weil der zuständige Teil des Gehirns noch reift. Er entscheidet sich nicht bewusst gegen dich. Er kann den Impuls im Moment nur schlechter bremsen als vor ein paar Wochen.

Was hilft konkret gegen Leinenziehen in der Pubertät?

Geh im Schwierigkeitsgrad zurück und übe an ruhigen, reizarmen Orten. Belohne die lockere Leine früh und oft. Bleib bei der klaren Regel: straffe Leine heißt Pause, lockere Leine heißt weiter. Und halte die Einheiten kurz, ein paar gute Minuten reichen.

Sollte ich das Training in der Pubertät pausieren?

Besser nicht. Wer jetzt pausiert, verliert die Routine, die den Hund durch die Phase trägt. Mach weiter, aber mit kleineren Schritten und viel weniger Erwartung. Manchmal ist es schon ein Erfolg, das Gelernte einfach zu halten.

Darf ich strenger werden, wenn mein Junghund bockt?

Nein. Härte, Leinenruck oder Einschüchterung erhöhen bei einem ohnehin gestressten Junghund nur den Druck und schaden dem Vertrauen. Er testet nicht deine Autorität, ihm fehlt gerade die Impulskontrolle. Das löst du mit Ruhe und Geduld, nicht mit Strafe.

Verlernt mein Hund in der Pubertät alles, was er gelernt hat?

Nein. Das Wissen bleibt, es ist nur vorübergehend schlechter abrufbar. Mit rund einem Jahr kommt vieles davon zurück, weil das Gehirn dann weiter gereift ist. Was du in dieser Zeit an Verbindung hältst, ist nicht verloren.

Hilft eine Kastration gegen das Ziehen in der Pubertät?

Nein, das Ziehen ist ein Trainings- und Entwicklungsthema, kein Hormonthema, das sich wegoperieren lässt. Eine Kastration allein ändert am Leinenverhalten nichts Verlässliches. Kläre so eine Entscheidung immer in Ruhe mit deiner Tierärztin, unabhängig vom Ziehen.

Geschirr oder Halsband für den ziehenden Junghund?

Für einen Hund, der zieht, ist ein gut sitzendes, brustfreies Führgeschirr die fairere Wahl. Es verteilt den Zug über Brust und Schultern und hält ihn vom empfindlichen Hals weg. Am Halsband kann ein kräftiger Junghund sich beim Ziehen selbst wehtun.

Ist eine Schleppleine in der Flegelphase sinnvoll?

Ja, als Management kann sie helfen. Sie gibt deinem Junghund Bewegungsfreiheit und Schnüffelraum, ohne dass du ihn in reizvoller Umgebung ganz ableinst, wenn der Rückruf gerade wackelt. Wichtig ist, sie sicher zu führen und nie am Halsband zu nutzen.

Warum ist mein Hund in der Pubertät so aufgedreht und gestresst?

Der Körper stellt gerade auf erwachsen um, und die Hormonlage schwankt. Das kostet Nerven im Wortsinn. Ein Junghund ist dadurch schneller überdreht und braucht länger, um runterzukommen. Ruhige Auslastung wie Nasenarbeit hilft mehr als wildes Toben.

Woran erkenne ich, ob mein Junghund über- oder unterfordert ist?

Ein überforderter Hund ist fahrig, überdreht und kommt schlecht zur Ruhe. Ein unterforderter sucht sich sein eigenes Programm, oft über Ziehen und Reize. Beides braucht andere Antworten. Meist hilft nicht mehr Bewegung, sondern mehr ruhige Kopfarbeit und klare Struktur.

Wann sollte ich einen Tierarzt oder Trainer hinzuziehen?

Zum Tierarzt, wenn sich das Verhalten sehr abrupt geändert hat, dein Hund sich gegen Geschirr wehrt oder an Treppe und Auto bremst, weil dann Schmerz dahinterstecken kann. Zu einer gewaltfrei arbeitenden Trainerin, wenn du im Alltag nicht weiterkommst oder dir der rote Faden fehlt.

Wann wird das Ziehen wieder besser?

Mit rund einem Jahr steigt die Trainierbarkeit laut Studienlage wieder deutlich an. Bei kleinen Rassen ist der gröbste Teil oft mit dem ersten Geburtstag überstanden, bei großen kann es länger dauern. Die Phase geht vorbei, wenn du dranbleibst.